Outfit verkauft mit!

So unterstreichen Kleidung und Stil Ihre Kompetenz

Outfit verkauft mit!

So unterstreichen Kleidung und Stil Ihre Kompetenz

„Sag mir, wie Du Dich kleidest, und ich sage Dir, wer Du bist.“ – Stimmt das? Wie wichtig ist das Outfit für das Image eines Menschen oder eines Unternehmens? Was sagen unser Stil und unsere Garderobe über uns aus? Können wir wirklich vom Erfolgsfaktor Kleidung sprechen? Was haben Kompetenz und Garderobe miteinander zu tun? Die Stilexpertin Elisabeth Motsch kennt die Antworten auf all diese Fragen.

Es ist 8.50 Uhr. Gudrun Landsberger fährt im Aufzug in die 8. Etage. Sie hat um 9.00 Uhr einen Vorstellungstermin für ihren Traumjob als Leiterin der Abteilung „Privatkundenbetreuung“ eines bekannten Bankhauses. Gudrun ist positiv nervös, aber sie fühlt sich sicher. Sie hat das Unternehmen vorher recherchiert und ist auf alle Fragen vorbereitet. Fachlich hat sie keine Bedenken, sie ist mehr als kompetent und hat eine ähnliche Position seit vier Jahren bereits sehr erfolgreich bei einer kleinen regionalen Bank inne. Nun steht der nächste Karriereschritt an. Sie ist bereit und betritt mit dynamischen Schritten die beeindruckende Lobby des Bankhauses. Eine attraktive Rezeptionistin im taubengrauen eleganten Hosenanzug mit weißer Bluse begrüßt sie. Nach 10 Minuten wird Gudrun in das Büro von Melanie Scharer, Leiterin der Abteilung Recruiting, gebeten. Atemberaubende Aussicht über Frankfurt, stylische Möbel und eine sehr elegante Erscheinung im dunkelblauen Business-Kostüm und blauen Pumps erwarten Gudrun. Das Gespräch verläuft ausgezeichnet, Gudrun bleibt fachlich keine Antwort schuldig. Sie drückt sich rhetorisch geschliffen aus – der Rhetorik-Kurs vom Vorjahr hat sich gelohnt. Melanie Scharer drückt ihr herzlich die Hand und verabschiedet sie mit einem vielversprechenden „Sie hören von uns“. Beschwingt verlässt Gudrun das Bankgebäude. „Ich bin ganz sicher in der nächsten Runde“, freut sie sich.

Das darf doch nicht wahr sein

Zwei Wochen später erhält Gudrun die knappe Absage der Bank. Sie fällt aus allen Wolken und versteht die Welt nicht mehr. Wie kann es sein, dass sie mit all ihrer Erfahrung nicht einmal in die zweite Runde gekommen ist?

Nun, ich als Stil-Expertin durfte in diesem Bankhaus hinter die Kulissen blicken und habe das durchaus verstanden. Gudrun hat es nicht geschafft, mit ihrem Outfit und ihrer Wirkung zu überzeugen und auch dadurch die notwendige Kompetenz zu vermitteln. Auf dem Papier war sie die ideale Kandidatin und wurde deswegen als Erste eingeladen. In ihrem realen Erscheinungsbild sah die Recruiterin dies: Eine Frau Ende 30. Blondes, wild gelocktes Haar. Eine himmelblaue Bluse mit kleinen dunkleren Blümchen, dazu einen Rock, kombiniert mit einem Blazer aus einem anderen Stoff, dafür geschmückt am Revers mit einer hellblauen Häkelblume als Brosche. Flache bequeme Schuhe und eine große, ausgebeulte Handtasche. Ich darf erinnern, es ging um die Besetzung der Leiterin der Abteilung für hochrangige Privatkunden! Der erfahrenen Recruiterin Scharer war sofort klar, dass Gudrun aufgrund Ihres Erscheinungsbildes bei der anspruchsvollen Klientel des Bankhauses nicht ankommen würde. Ihre Kompetenz auf dem Papier und ihre guten Referenzen konnten dieses äußerliche Manko nicht aufwerten. Deswegen die sofortige Absage. Erst noch in eine Image- und Stilberatung investieren zu müssen, interessiert keinen potentiellen Arbeitgeber.

Wer bekam den Job?

Lily Baumeister, 39 Jahre alt, mit dunklem, perfekt geschnittenen Bob, schwarzem Business-Kostüm mit roter Bluse und dezentem, aber edlem Schmuck. So vermittelte sie das perfekte Image der erfolgreichen Bankerin. Nicht zu konservativ, eine gewisse Dynamik ausstrahlend durch das Rot ihrer Bluse, so überzeugte sie die Recruiterin wie den Vorstand im zweiten Gespräch mit ihrem Stil und ihrer Kompetenz. Ihre Referenzen waren sehr gut. Sie hatte jedoch noch nie eine Abteilung geleitet, sondern war vorher Abteilungsleiter-Stellvertreterin. Aufgrund ihres ausgezeichneten Auftretens traute man ihr diese neue Herausforderung zu.
Outfit verkauft – oder eben nicht

„Geht die Farbe mit mir oder gehe ich mit der Farbe?“

In diesem Fall war das optische Erscheinungsbild für die zu besetzende Position extrem wichtig, deswegen kam die zweite Kandidatin zum Zug, obwohl sie auf dem Papier nicht ganz so qualifiziert war. Aber sie wirkte qualifiziert und kompetent. Aufgrund ihres Auftretens und Erscheinungsbildes traute man ihr mehr zu. Ich finde es immer wieder tragisch, wenn Menschen hohe Summen in Stimmtraining, Rhetorik-Coaching und sonstige Ausbildungen investieren, aber die so wichtige persönliche Note ihrer Garderobe vernachlässigen. Sie verkaufen sich dadurch nicht so gut, wie sie tatsächlich sind. Und schlimmer, andere, die sich intensiv mit ihrem Erscheinungsbild beschäftigen, steigen in Positionen auf, für die sie unter Umständen gar nicht geeignet sind.

Kompetenz durch persönlichen Stil unterstreichen

Die Praxis zeigt: Outfit schlägt (oft) Kompetenz. Mich wundert es nicht. Aus meiner langjährigen Erfahrung weiß ich sehr genau, dass Fälle wie dieser an der Tagesordnung sind. Gudrun Landsberger hat zwei klassische Fehler begangen. Sie hielt sich erstens betreffend ihres Outfits nicht an den logischen Dresscode des Unternehmens. Wer nur ein wenig Fingerspitzengefühl hat, muss wissen, dass in einem Frankfurter Bankhaus die Blümchenbluse fehl am Platze sein muss. Dazu ist es nicht erforderlich, schon einmal dort gewesen zu sein. Zweitens hat sie sich keine Gedanken über die richtige Garderobe für die Position gemacht, für die sie sich bewirbt. Beides war fatal und katapultierte sie schließlich ins Aus.

Ungerecht? Nein, gar nicht. Das mag hart klingen, aber wer nicht versteht, wo er sich bewirbt oder sich in dem dort herrschenden Dresscode nicht wohl fühlt, kann und darf diesen Job nicht antreten. Sonst wirkt diese Person verkleidet, wenig authentisch, nicht überzeugend und wird langfristig keinen Erfolg haben. Mein Tipp: Recherchieren Sie unbedingt im Vorfeld von Bewerbungsgesprächen und sonstigen wichtigen Terminen die in diesem Unternehmen oder in der Branche herrschenden Regeln des Dresscode. Die Zeit, die Sie hier investieren, lohnt sich.

„Vergeigen“ Sie niemals den ersten Eindruck

Bedeutet das also, dass Menschen, die schlecht gekleidet sind, nicht erfolgreich sein können? Nein, durchaus nicht, aber ich wage zu behaupten, dass diese Menschen sich sehr viel mehr anstrengen müssen. Weil sie eben auf den zweiten Blick überzeugen müssen, da sie den ersten Eindruck meist nicht bestehen. Manchmal verhelfen jedoch leider auch der zweite Blick und eine hervorragende Leistung nicht zur erwünschten Beförderung. Ich kenne Fälle, wo sehr fähige Personen intern nicht aufstiegen, weil externe, besser gekleidete Personen den Zuschlag bekamen. Diese Gründe werden natürlich nicht offiziell genannt, aber sie sind im Grunde oft die wahren Verhinderer von Karrieren.

„Wir dürfen betreffend unseres Stils durchaus alle Grenzen überschreiten, wenn uns danach ist, aber wir müssen dann die entsprechenden Konsequenzen in Kauf nehmen.“

Na, dann wähle ich halt den Business-Stil

Viele Menschen verfallen dann ins genaue Gegenteil und verlegen sich auf die Schiene „total langweiliger Business-Stil“. Von oben bis unten. Klar, das ist Nummer sicher. Aber sehr, sehr unauffällig. Auch das kann karrieremäßig ins Auge gehen. Denn, was heute vor allem zählt, ist die Persönlichkeit. Wer sie nicht zeigt, gerät ins Hintertreffen. Reine Business-Kleidung von der Stange reicht also nicht aus. Lily Baumeister kam korrekt im Banker-Kostüm, hatte es aber ihrer dynamischen Persönlichkeit wegen mit der roten Bluse kombiniert. Ihr Schmuck war leicht extravagant, wenn auch nicht zu groß. Sie zeigte eindeutig persönlichen, guten Stil. Das überzeugte. Ja, ich gebe es zu, es ist eine Gratwanderung, zu viel ist nicht gut, zu wenig auch nicht. Es hilft, sich diese beiden Fragen zu stellen: Wo gehe ich hin, für welche Art von Event bin ich gerade dabei, mich zu kleiden? Und: Was brauche ich für mein gutes Gefühl, um dort perfekt auftreten zu können? Wenn Ihr Gefühl etwas diametral anderes will, als es die Art des Events erfordert, muss das Gefühl – so leid es mir tut – weichen.

Haben es Männer leichter?

Das werde ich immer wieder gefragt. Auf der einen Seite ja, weil sie durch die offensichtliche Kombination Business-Anzug – Hemd – Krawatte klar festgelegt sind. Obwohl sie durch unvorteilhafte Schnitte, falsche Schuhe und Socken und einen unpassenden Muster-Mix von Hemd und Krawatte auch viel falsch machen können. Auf der anderen Seite haben sie etwas weniger Möglichkeiten, einen persönlichen Stil zu entwickeln. Es bleiben den Herren der Schöpfung außer speziellen, edlen Materialien ihrer Anzüge fast nur das Einstecktuch und die Krawatte, um ein persönliches Mode-Alleinstellungsmerkmal zu haben. Hier erleben wir aus falsch verstandenen Kreativitätsgründen leider oft Unerfreuliches. Viele vergaloppieren sich bei der Auswahl vor allem von Krawatten. Wilde Paisely-Muster in gelb und grün, viel zu breite, dominante Streifen oder gar das rosa Hemd mit pinkfarbener Krawatte im Set. Wenn Männer die folgenden Regeln einhalten, sind sie auf der sicheren Seite: Keine zu schmalen Krawatten für stattliche Männer, keine zu breiten Krawatten für eher schlanke Herren. Die Länge der Krawatte bitte exakt bis zum Dorn des Gürtels, hier gibt es immer wieder sehr unschöne Abweichungen. Meine Herren, vermeiden Sie bitte auch zu helle Krawatten, diese stellen keinen Kontrast zu Ihrem Gesicht dar. Und wenn Sie nicht zu einer bestimmten Organisation aus Süditalien gehören, niemals, niemals ein dunkles Hemd und eine helle Krawatte kombinieren. Oft kommen Männer zu mir in die Beratung und in wenigen Stunden haben wir für sie das passende Outfit gefunden, mit dem sie sich wohl fühlen und top wirken.

Mut zur Persönlichkeit

Grundsätzlich gilt es für Herren wie für Damen, einen Stil zu finden, der die positiven Aspekte des Charakters unterstreicht, ohne aufgesetzt zu wirken. Gehen Sie bei der Auswahl Ihres Outfits mit Gefühl für das geschäftliche Umfeld, aber vor allem auch für den eigenen Typ vor. Auf diese Weise erzielen Sie eine Wirkung, die Sie dabei unterstützt, Professionalität und Ihre Kompetenz nach außen zu kommunizieren, ohne dabei die eigene Persönlichkeit außer Acht zu lassen. So können Sie Vertrauen und Sicherheit vermitteln und gleichzeitig unverwechselbar sein. Davon werden Sie auf zwischenmenschlicher wie auch geschäftlicher Ebene profitieren.

* Alle verwendete Namen in diesem Beitrag sind frei erfunden.

Elisabeth Motsch

Elisabeth Motsch

Stilexpertin
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