Jobsharing — Die Revolution der Arbeitswelt?

Im Gespräch mit Anna Kaiser & Jana Tepe von TANDEMPLOY

Jobsharing — Die Revolution der Arbeitswelt?

Im Gespräch mit Anna Kaiser & Jana Tepe von TANDEMPLOY

Anna Kaiser und Jana Tepe sind Pioniere einer menschlicheren Arbeitswelt. Im Interview haben sie uns verraten, wie Menschen durch das clevere Teilen von Arbeit mehr erreichen können – und dabei letztlich alle gewinnen. Tandemploy heißt das Modell, das viel verspricht und neugierig macht.

Frau Kaiser, Frau Tepe, Ihr Steckenpferd ist das Jobsharing, also das Teilen eines Arbeitsplatzes durch mindestens zwei Personen. Was ist das genau – und wo liegt der Unterschied zur klassischen Teilzeit?

Anna Kaiser: Im Jobsharing-Arbeitsmodell teilen sich klassischerweise zwei Menschen eine Stelle und arbeiten dabei eng als Team zusammen. Die beiden Jobsharer teilen sich eine Aufgabe und eine Verantwortung, sie kommunizieren eng miteinander und sprechen sich untereinander ab. Dieses enge Teamwork macht Stellen teilzeittauglich, die es vorher nicht waren, selbst sehr anspruchsvolle und komplexe Positionen bis in die Führungsetage. Das ist es auch, was uns von Anfang an so begeistert hat: Jobsharing macht den eigenen Job in Teilzeit realisierbar, nicht irgendeinen. Und das ist etwas, das sich viele Menschen wünschen. Aus den unterschiedlichsten Gründen.

Jana Tepe: Viele Menschen wünschen sich einen erfüllenden Job und Zeit für weitere Bereiche und Dinge, die ihnen wichtig sind. Zeit für die Familie, für weitere Projekte und Vorhaben, Zeit für die Selbstständigkeit nebenbei, für eine Weiterbildung. Oder auch einfach nur Zeit für sich. Viele Menschen lieben ihre Arbeit, ihre Jobs – aber würden sie umso mehr lieben, wenn sie flexibler arbeiten und ab und an einmal durchatmen könnten. Und Kraft tanken. Und Inspiration sammeln.

Für Arbeitnehmer gibt es sicherlich viele Vorteile. Aber was sagen die Unternehmen dazu? Gibt es Beispiele aus der Praxis, wie Jobsharing funktionieren kann?

Jana Tepe: Die Unternehmen sind größtenteils erst einmal neugierig und aufgeschlossen. Immer mehr Firmen merken, dass sie, wenn sie auf dem Arbeitsmarkt weiter bestehen und überzeugen wollen, proaktiv handeln und neue Wege gehen müssen. 20,4% der Unternehmen in Deutschland haben bereits Jobsharing-Modelle…

„20,4% der Unternehmen in Deutschland haben bereits Jobsharing-Modelle.“

Anna Kaiser: … und diese Zahl ist aus 2009. Wir gehen davon aus, dass es mittlerweile noch einige mehr sind. Wir sprechen mit vielen Jobsharern und Arbeitgebern aus der Praxis, die uns davon berichten, wie sie Jobsharing konkret umsetzen und leben. Eine allgemeingültige Formel gibt es da nicht. Interessant ist aber, dass Firmen, die Jobsharing einmal ausprobiert haben, zu 100% dabei bleiben.

Jana Tepe: Es entsteht eine ganz neue Qualität der Arbeit, wenn zwei Menschen gemeinsam an einer Aufgabe sitzen. Das sind ja zwei Köpfe, die da zusammenkommen, doppelte Ideen und doppelte Power. Da wird eine ungeheure Kreativität frei – und gleichzeitig ist man automatisch gewissenhafter, weil man für den anderen mitdenkt und mitdokumentiert…

Anna Kaiser: … und nachweislich produktiver, weil man sich stärker fokussiert und entlang seiner Stärken arbeitet. Das merken auch die Unternehmen schnell, wenn sie einmal ein Pilotprojekt mit einem Jobsharing-Tandem gestartet haben. Was viele Arbeitgeber außerdem überzeugt ist die Tatsache, dass meist immer einer da ist. Es gibt immer eine bestens informierte Vertretung, ob im Krankheitsfall oder im Urlaub. Außerdem können Firmen das Jobsharing-Modell geschickt nutzen, um komplementäre „Super-Teams“ zu rekrutieren und sich Kompetenzen ins Haus zu holen, die eine Person alleine niemals mitbringen würde. Und natürlich können sie bereits vorhandene Mitarbeiter, die ihre Arbeitszeit verringern möchten, ganz anders im Unternehmen halten. Sie können Jobsharing gerade den Mitarbeitern anbieten, für die es bis dato keine zufriedenstellende Möglichkeit zur flexiblen Arbeit gab.

Klingt nach einem Gewinn für beide Seiten – und trotzdem ist Jobsharing für viele sicherlich noch ein neues Thema. Wie sind Sie beide auf die Arbeitsplatzteilung gestoßen?

Jana Tepe: Das Thema Jobsharing ist uns in unserem vorherigen Job wortwörtlich auf den Tisch geflattert. Wir beide haben in einer Personalberatung für die digitale Wirtschaft gearbeitet und dort Fachkräfte rekrutiert für unsere Kunden, die oft händeringend nach den besten Köpfen gesucht haben. Eines Tages bekam ich eine Bewerbung von zwei Frauen, die sich eine Stelle teilen wollten. Ich war kurz verdutzt, dann ziemlich neugierig – und nach dem Skype-Interview absolut überzeugt von dieser Art des Arbeitens. Es ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Anna Kaiser: Wir haben darüber diskutiert, angefangen zu recherchieren, haben eigene Umfragen gestartet und Arbeitnehmer und Unternehmen gefragt, was sie über Jobsharing denken. Die Reaktionen waren toll – und die Idee zu Tandemploy geboren.

Wie genau hilft Tandemploy bei der Umsetzung von Jobsharing?

Jana Tepe: Wir entwickeln eine Plattform, die Menschen und Unternehmen zum Thema Jobsharing zusammenbringt und sie auf allen Ebenen bei der Realisierung unterstützt. Arbeitnehmer oder auch Selbstständige finden bei uns ihr perfektes Pendant zum Teilen einer Stelle und außerdem nur Jobs, die explizit jobsharing-freundlich sind. Unternehmen können bei uns ganze oder auch halbe Jobsharing-Stellen ausschreiben, mit einem Employer Branding Profil Flagge zeigen für Arbeiten im Jobsharing – und in Kürze auch auf die Tandems und Einzelpersonen zugreifen.

Einige Funktionen gibt es bereits in unserer jetzigen schlanken Betaversion, viele weitere folgen bald. Rundherum gibt’s bei uns allerhand Infomaterialien und Hilfsmittel rund ums Jobsharing und außerdem einen Blog (zweiteilen.de), der Geschichten aus der Praxis erzählt. Ein Expertennetzwerk aus spezialisierten Beratern und Coaches haben wir auch – und mittlerweile schon viele tolle Menschen und Unternehmen, die mitmachen!

Was lässt Sie daran glauben, dass Jobsharing ein Arbeitsmodell der Zukunft ist?

Anna Kaiser: Die Arbeitswelt ändert sich gerade gewaltig. Auf der einen Seite ist da der Fachkräftemangel, den manche noch verdrängen, der aber nicht mehr aufzuhalten ist. Der demographische Wandel schreitet voran und in wenigen Jahren werden unglaublich viele Menschen in Deutschland quasi zeitgleich in Rente gehen. Das sind die viel besagten Babyboomer. Unternehmen, die jetzt nicht proaktiv handeln, werden dann bestenfalls noch reagieren können.

Jana Tepe: Die Arbeitnehmer spüren, beziehungsweise wissen das. Sie trauen sich vermehrt, das zu fordern, was sie sich wahrscheinlich schon länger wünschen, aber jetzt erst laut zu sagen wagen. Sie suchen Arbeit, die zum Leben passt. Erfüllende und gute Arbeit, unbedingt, aber eben nicht mehr um jeden Preis.

Anna Kaiser: Wir haben das ganz verstärkt in unserem eigenen Umfeld gemerkt. Die überwiegende Mehrheit unserer Freunde ist nicht glücklich in ihren Jobs. Und das liegt meist nicht an den Jobs an sich, sondern vielmehr an den Umständen, unter denen sie die Jobs ausführen. Das hat uns ziemlich nachdenklich gestimmt. Denn das sind oftmals genau die Köpfe, die die Unternehmen händeringend suchen, aber bald nicht mehr bekommen werden. Jobsharing setzt genau da an und schafft ein Angebot für Menschen, die viel zu geben haben, aber anders arbeiten wollen. Es schließt eine Lücke im Spektrum flexibler Arbeitsmodelle.

„Das sind ja zwei Köpfe, die da zusammenkommen, doppelte Ideen und doppelte Power!“

Jana Tepe: Und mittlerweile merken wir immer stärker, dass es nicht nur unserer Generation so geht. Der Wunsch nach Arbeit, die zum Leben – ja ins Leben passt – ist absolut menschlich. Vom Jobsharing und unserer Idee fühlen sich die verschiedensten Menschen angesprochen. Da ist natürlich die Generation Y, die keine Lust mehr auf 40-Stunden-Vollzeit hat. Das sind natürlich junge Eltern, die sich mehr Zeit für die Familie wünschen. Das sind aber eben auch erfahrene Mitarbeiter, die sich nach Abwechslung sehnen. Mitarbeiter, die gegen Ende ihres Berufslebens kürzer treten und einen Nachfolger anlernen möchten. Menschen, die durch Teamwork einen ganz neuen Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen. Der Wunsch nach mehr Zeit und Flexibilität – für was auch immer – zieht sich durchs ganze Leben. Er kann mal schwächer und mal stärker da sein. Er betrifft Männer und Frauen, in allen Berufssparten.

Anna Kaiser: Genau hier setzen wir mit Tandemploy an. Wir unterstützen, dass Menschen in bestimmten Lebensphasen flexibler arbeiten können. In ihren Jobs. Diese Kombination von Wunschjob und flexibler Arbeit, die durch Jobsharing ermöglicht wird, kommt schlussendlich allen zugute: den Menschen, aber natürlich auch den Unternehmen, die ja letztlich auf den Menschen basieren, die miteinander und für ein gemeinsames Ziel arbeiten. Nur eine menschliche Arbeitswelt kann nachhaltig erfolgreich sein. Dafür setzen wir uns mit Tandemploy ein.

Wir werden die Entwicklung weiterhin verfolgen. Vielen Dank für das sehr aufschlussreiche Gespräch.

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Das Gespräch führte Frederic M. Fuchs


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