Die kollektive Lizenz zum Scheitern

Wie die Trendveranstaltung „Fuck-Up-Nights“ unser Erfolgsstreben erfolgreich hinterfragt

Die kollektive Lizenz zum Scheitern

Wie die Trendveranstaltung „Fuck-Up-Nights“ unser Erfolgsstreben erfolgreich hinterfragt

Leistung, Selbstoptimierung, Erfolg! So befremdlich dieses Mantra der Arbeitswelt scheint, so tief ist es doch in unserem Denken verwurzelt, bei aller ironischen Distanz. Und ein gewisses Talent zur Selbstironie braucht es schon, um bei der FuckUp-Night vor Publikum über seine größten Fehler und gescheiterte Projekte zu sprechen. Warum boomt die Lust an Geschichten übers Scheitern momentan so? Und was sagt das über die Entwicklung unserer Leistungsgesellschaft?

FuckUp. Groß und leuchtend prangen die Worte über der Sprecherin auf der Bühne. Sie zupft an ihren Jeans-Shorts und begrüßt das Publikum mit den Worten „Oh Gott, ich bin jetzt schon ein bisschen aufgeregt.“ Die knapp 100 Menschen, die an diesem Donnerstagabend in den Veranstaltungsraum des Kreuzberger Startup-Bootcamps passen, ermutigen die erste Rednerin mit warmem Vorschuss-Applaus. “Du machst das super!” ruft jemand ermutigend. Schon eine Stunde vor Beginn der FuckUp-Night stehen die Leute bis weit auf die Straße an, nur ein Drittel schafft es hinein. Vor der Bühne drängen sich die Leute im Schneidersitz nebeneinander, Klientel: 30-40, Gründer, Kreative, immer ein neues Projekt in der Tasche-Haber. Seit einigen Monaten organisiert ein kleines Team an wechselnden Orten die Berliner FuckUp-Night, eine Show des Scheiterns, ein Trend, der sich in kurzer Zeit von Mexiko aus weltweit auf inzwischen 80 Länder verbreitet hat.

Wie lang bleibt die Seifenblase in der Luft?

Die Kölnerin beginnt von ihrem großen Traum zu erzählen, den sie sich vor ein paar Jahren in Berlin verwirklichte: Die eigene Bar, mitten im Szene-Kiez. Wilde Partyabende, Bands, die bis in die Morgenstunden oder auch mal bis zum Polizeieinsatz spielten, durchfeierte Sommernächte. Eine rauschende Zeit – nur die Kassenbilanz rutschte unaufhaltsam in ein immer tieferes Rot. Erst als der Strom dann auf einmal weg war – „Zipp, aus!“ – erkannte die Sprecherin, dass sie ihre Bar, ihr Baby, wie sie sagt, tatsächlich aufgeben musste. Das ganze Leben, alle Energie, die in ein Projekt gesteckt wird, all das auf einmal aufgeben zu müssen, das realisieren Viele erst, wenn es fast zu spät ist. Mit einem mal spürt das Publikum ganz unvermittelt, welch großer Schmerz mit einem solchen Verlust einhergeht, welche Selbstzweifel, Vorwürfe, auch welche existenzielle Nöte da über einem hineinbrechen können. “Wie viel man lügen muss!”, erzählt sie sichtlich bewegt. Und es stimmt ja, wie oft wohl jeder einzelne von uns flunkert, wenn er gefragt wird, wie es denn so läuft im Job. Mal beschönigt man ein Projekt, hebt die vorzeigbaren Ergebnisse hervor und verschweigt, wieviele Sachen ganz und gar nicht so gelaufen sind wie geplant.

Wen kann man beschuldigen, wenn Pläne scheitern?

Du kannst alles machen, was du willst, wird nicht nur im Gründerparadies Berlin suggeriert, wenn du nur hart genug arbeitest und fest genug an dich glaubst! Aber stimmt das wirklich? Die Wahrheit ist, selbst wenn der Businessplan wasserdicht ist, Lage und Zeitpunkt perfekt scheinen, man Tag und Nacht für sein Projekt arbeitet – eine Garantie für langfristigen Erfolg gibt es nicht. In einer immer komplexer funktionierenden Welt mit wachsendem Konkurrenz- und Erfolgsdruck wird es zunehmend schwerer, einen in sich stimmigen Plan langfristig auf Kurs zu halten. Zu vielschichtig ist oft die Interessenlage der Zielgruppen, zu unvorhersehbar und spontan die Marktentwicklung. Und doch lohnt es sich, zu versuchen, seine Visionen in die Tat umzusetzen. Das erfolgreiche Online-Bezahlsystem Paypal etwa, das sich inzwischen flächendeckend durchgesetzt hat, entsprang erst dem fünften Anlauf einer Reihe von fehlgeschlagenen Projekten, die geräuschlos wieder in die Vergessenheit entglitten. Was wäre, hätte der Gründer nach dem zweiten Versuch aufgegeben?

Oftmals ist selbst für Experten auf einem bestimmten Gebiet nicht nachvollziehbar, warum das eine Projekt abhebt und das andere floppt. Doch die Enttäuschung ist groß, wenn ein ausgeklügelter Plan einfach nicht funktionieren will. Die Suche nach Gründen beginnt, die man vielleicht beheben kann, einer Stellschraube, die falsch justiert ist. Und wenn es nicht rund läuft, ist der Schuldige heute schnell gefunden. In Zeiten problemloser Selbstoptimierung per Apple Watch, Erfolgsteams und Business-Angels kann es doch nur an der eigenen mangelnden Leistung liegen. Oder? Andere schaffen es doch auch! Dass die Medienindustrie zunehmend hochglänzende Erfolgsprojekte zeigt, perfekt agierende Manager, multitaskende Power-Mütter und Väter, die nebenbei im Job brillieren, hinterlässt schleichend ein ungutes Gefühl:
Ich reiche nicht aus. Ich mache es nicht gut genug. Ich muss besser werden.

Gründen birgt Risiken, Risiken bergen Absturzgefahr

Mittlerweile steht die dritte Rednerin auf der Bühne. Sie erzählt so entwaffnend offen von ihrem persönlichen “FuckUp”, dass man die Solidarität des Publikums fast körperlich spüren kann. Die junge Mutter zweier Kinder hatte mit ihrem Mann eine spezielle Onlineplattform für An- und Verkauf gegründet – ein Erfolgsmagnet, den Erfahrungen internationaler Beispiele nach. Die Webseite startete vielversprechend, trotzdem suchten sich die beiden Gründer professionelle Unterstützung, um noch erfolgreicher zu werden, so die Hoffnung. Eine Agentur riet zu strukturellen Änderungen, und die Gründer befolgten fast jeden Rat, manchmal auch gegen das eigene Bauchgefühl.

Bald wurden die Folgen dieses blinden Vertrauens spürbar: Eine Reihe von Chefs hatte sich um das Projekt gebildet “CEO soundso, CE wasweißich, für alles gab es einen C – nur ich saß irgendwann in einem Raum daneben, zusammen mit dem Praktikanten”, erzählt die junge Frau, die zu Beginn auf Augenhöhe mit den Ratgebern agierte, immernoch sichtlich aufgewühlt. Die Zügel schienen dem Paar immer mehr aus den Händen zu gleiten, die Rednerin fühlte sich nicht mehr auf Augenhöhe beteiligt und von der Fahrbahn gedrängt. “Irgendwann habe ich allen gesagt: Ich will jetzt auch wieder ein C sein.” An dieser Stelle brandet Szenenapplaus auf. Respektabel scheint dieser Schritt, auch weil viele junge Mütter wie selbstverständlich im Job zurückstecken. Für das gemeinsame Projekt war der Zug inzwischen abgefahren, neue Teilhaber drängten die Gründer raus.

» Solidarität ist spürbar, Anteilnahme, auch Respekt für den Mut, sich so ungeschützt den Reaktionen auf das eigene Scheitern auszusetzen.«

Hoffnung, Mut, Erlösung

Warum ist es so reizvoll, Geschichten vom Scheitern zu hören? Sicher ist es Neugierde und auch ein wenig Sensationslust am Misserfolg, die so viele Menschen zu den Scheiter-Shows zieht. “Es ist wie bei diesen Vorher-Nachher-Bildern von Stars in Zeitschriften, die sonst makellose Vorbilder auch mal ungeschminkt zeigen”, meint ein Zuschauer nach der Veranstaltung. Aber von Schadenfreude ist das Publikum, zumindest an diesem Abend, weit entfernt. Solidarität ist spürbar, Anteilnahme, auch Respekt für den Mut, sich so ungeschützt den Reaktionen auf das eigene Scheitern auszusetzen. Wer hat nicht schon einmal richtig daneben gelegen mit seiner Einschätzung, wer kann tatsächlich die lückenlose Erfolgsgeschichte vorweisen, die der Lebenslauf vorgibt? Es ist das Teilen der vermeintlichen Unzulänglichkeit, die High-Performer wieder zu normalen Menschen werden lässt, mit all ihren Schwächen und Irrwegen. Die gemeinschaftliche Absage an all die Erfolgsmantras und Anforderungen ist es, die den Reiz der FuckUp-Nights ausmacht. Einmal der Leistungsgesellschaft ins Gesicht lachen und sich gegenseitig Fehler und Macken eingestehen, kann wahnsinnig erlösend sein.

Das junge Paar hat sich nach durchgeheulten Nächten schließlich wieder aufgerappelt – und gleich wieder gegründet. Nun sind beide glücklich mit ihrem jungen Non-Profit-Projekt. Wieder aufzustehen, das wird an diesem Abend deutlich, ist die eigentliche Herausforderung der Arbeitswelt. Auch nach Misserfolgen nicht zu verzweifeln und vor allem den Glauben an die eigenen Fähigkeiten nicht zu verlieren, ist das eigentliche Ziel. Manchen wird das erst klar, wenn sie einmal richtig auf die Nase gefallen sind, um dann neuen Mut zu schöpfen. Denn Projekte kommen und gehen, mit sich selbst aber muss man das ganze Leben lang auskommen. Es lohnt sich, in das eigene Selbstvertrauen zu investieren, mit Zuversicht und Mut – und der FuckUp-Crowd im Rücken. Nicht als Missgünstige in Lauerstellung, sondern als Verbündete im kraftzehrenden Kampf mit der Leistungsgesellschaft.


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ZT-Redakteurin

Lilli Iliev

ZT-Redakteurin
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