Das Vergessene Wunder

Niemand kommt aus der Natur, wie er in sie gegangen ist

Das Vergessene Wunder

Niemand kommt aus der Natur, wie er in sie gegangen ist

Jörg Romstötter erschließt die großen Potenziale der reichsten Erfolgs-Ressource der Welt – der Natur. Er weiß, dass manche Menschen noch nie wirklich in der Natur waren, verrät, warum wir alleine in die Natur gehen sollten und erklärt, wie ein „Denktag“ in der Natur am besten funktioniert. Und schlussendlich verrät der Vortragsredner und Autor im Interview, warum Natur sogar Geld drucken kann.

Herr Romstötter, Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Das vergessene Wunder“. Wieso ein Wunder, und was genau haben wir alle vergessen?

Wir haben eine sehr tiefe, schon immer ins uns liegende Wahrheit vergessen: Die Kraft und Kreativität der Natur. Die Natur hat umfassende Wirkungen auf uns, die wir sonst nirgends so einfach und tiefgreifend erfahren. Es gibt keine Umgebung, die so sehr den Prozess der Selbstreflexion anregt und unterstützt wie die Natur. Dort draußen fühlen wir uns sofort instinktiv pudelwohl und eigentümlich „zu Hause“. Wir entspannen uns äußerst schnell und gründlich und haben erstaunlich klare Gedanken. Unterwegs in Wald und Flur bringen wir nicht nur unseren Kreislauf, unsere Muskeln und unser Immunsystem artgerecht in Schwung, sondern vor allem unsere Kreativität. Wo gibt es das denn sonst in dieser Form und Intensität und noch dazu gratis und unbegrenzt? Vergessen haben wir auch, die Natur gezielt für unseren erfolgreichen Lebensweg zu nutzen. Sie ist heute bloß zur Heile-Welt-Fluchtburg und Erlebnis-Kulisse verkommen. Wir gehen zwar in die Natur, kommen aber nur kurzfristig entspannt zurück. Deshalb ändert sich dadurch nichts an unserem Alltag und wir lechzen nach der nächsten Auszeit im Grünen.

Was sollten wir denn anders machen, damit wir aus der Natur mit nachhaltigen positiven Auswirkungen in unseren Alltag zurückkehren?

Wir sollten anstatt ewig rastlos im ständigen Tun voranzuhasten, ausnahmsweise einmal das Gegenteil machen. Langsamer und bewusster werden. Körperlich wie auch in Gedanken. Sport treiben, Umherwandern oder andere Beschäftigungen aktiv wahrnehmen, um runterzukommen, anzukommen und unsere Gedanken und Gefühle in unterschiedlichen Bewegungsintensitäten zu erleben. Das ist der beste Weg um unsere bestehenden Meinungen und Einstellungen zu unseren aktuellen Themen aktiv zu „testen“. Und dann das daraus Wertvollste aus uns herauszukitzeln, indem wir einfach in der Natur verweilen und uns selbst ein wenig zuhören. Das geht in bester Güte ausschließlich allein.

Sie sagen „Wer noch nie allein in der Natur war, der war auch noch nicht wirklich in der Natur.“ Wie ist das zu verstehen und warum ist gerade das Alleinsein in der Natur ein wichtiger Schlüsselfaktor für uns Menschen?

Gewisse Fragen stellen wir uns nur im Alleinsein. Wie wir auch die Antworten nur im Alleinsein finden können. Nur wenn wir allein da draußen sind, können wir überhaupt wahrnehmen, wie intensiv die Natur auf uns wirkt. Wie sie unsere Gedanken und Gefühle verändert, wie sie unseren Ideenreichtum und unsere Entscheidungsprozesse fördert. Es ist zwar unbestritten wunderschön, mit Freunden, der Familie oder dem Hund draußen zu sein. Die gesamte gigantische Wirkung der Natur können wir so nur leider nicht erleben.

Nur allein wird uns klar, wohin wir wirklich wollen. Das macht uns, zurück im Alltag, ungeheuer selbstsicher. Heute wissen wir aus Studien: eine natürliche Umgebung hilft uns, Wichtiges zu erkennen und dauerhaft sinnvolle Schritte zu setzen, die obendrein sogar noch lukrativer sind. Unsere herkömmliche, oft städtische Alltagswelt hingegen fördert unser Konkurrenzverhalten, das uns zu kurzfristigen Schaden-Vermeidungs-Strategien und Dominanzverhalten und damit zu weniger lukrativen Entscheidungen verleitet. Natürliche Umgebungen schulen zudem besonders intensiv unsere emotionale Intelligenz – DIE Voraussetzung um Menschen optimal zu führen.

»…eine natürliche Umgebung hilft uns, Wichtiges zu erkennen und dauerhaft sinnvolle Schritte zu setzen, die obendrein sogar noch lukrativer sind.«

Wie oft gehen Sie selber alleine in die Natur?

Jede Woche mindestens einmal für ein paar Stunden. Und auch immer wieder für mehrere Tage am Stück. Auf jeden Fall ganz intensiv vor, während und nach größeren Entscheidungsprozessen in meinem Leben. Dazu unternehme ich jedes Jahr meist zwei größere Naturreisen. Ohne diese Zeiten mit mir alleine in der Natur könnte ich meinen Job als Vortragsredner und Coach nicht so intensiv ausüben, wie mir dies wichtig ist.

Wie können Unternehmen konkret von der Ressource Natur profitieren? Damit, dass die Mitarbeiter am Wochenende und in der Freizeit in die Natur gehen, ist es ja nicht getan.

Wenn nur alle regelmäßig in die Natur gingen, wäre allein damit schon sehr viel gewonnen. Dem können Führungskräfte, die die Power der Natur verstanden und für sich assimiliert haben, leicht abhelfen, indem sie ihre Mitarbeiter sensibilisieren, wo und wie diese in ihrem Alltag überall Natur finden. Ihnen nahebringen, wie sie die Zeit dort am besten für sich nutzen. Natur finden wir meist viel häufiger und auch näher, als vielen bewusst ist. Ein Gang durchs Grüne vor und nach der Arbeit und genauso in der Pause wird Denkblockaden, Bewegungsmangel und Kleinerkrankungen zuverlässig ausschalten.

In meinen Trainings und Coachings lege ich Unternehmen auch nahe, noch weiter zu denken. Da gibt es die Möglichkeit, Zeit zur Erholung in der Natur und gezielte Denktage in der Natur zu kombinieren und anzubieten. Das Unternehmen gibt so seinen Mitarbeitern nicht nur qualitativ sehr hochwertige Zeit für sich selbst zurück, sondern profitiert von neuen, durch die Kreativitätsressource Natur entstehenden Denkansätzen.

»Wenn nur alle regelmäßig in die Natur gingen, wäre allein damit schon sehr viel gewonnen.«

Ein solcher „Denktag“ in der Natur sieht idealerweise wie aus?

Das ist sehr vielfältig. Denn die Natur in ihren unterschiedlichen Landschaftsformen zu nutzen, fließt da ebenso ein, wie verschiedene Bewegungsintensitäten, Fragestellungen und die Verweildauer. Für jede Situation und jede Herausforderung lässt sich eine ideal unterstützende Vorgehensweise kreieren. Zum Beispiel: Zunächst grenzen wir die Aufgabe oder Fragestellung ein. Wie etwa Klarheit gewinnen für einen strategischen Prozess. Dementsprechend wählen wir die Naturlandschaft, welche die dazu erwünschten Blickwinkel und Haltungen am besten fördert. Über das bewusste Ausleben von verschiedenen Bewegungsintensitäten und dem Beobachten unserer
Gedanken und Gefühle dabei, durchschreiten wir die notwendige Schleuse zur echten Naturbegegnung. Diese ist immer eine tiefe, klärende Begegnung mit uns selbst. An einem Platz, an dem wir völlig ungestört sind und an dem wir einen freien Ausblick haben, konfrontieren wir uns erneut mit unserer Frage. Spätestens hier stellen wir die ersten, meist sehr überraschenden Neuimpulse fest. Auf dem Rückweg, der identisch oder bewusst anders gewählt sein kann, kommen wir langsam wieder in unserer Alltagswelt an. Auch das ist wieder eine Schleuse, die erst so manche Idee zu Tage fördert.

»Wer wirklich die passenden Menschen einstellt und diese auf
Augenhöhe behandelt, der erlebt kaum Enttäuschungen.«

Sie sagen „Natur druckt Geld“ – Wie geht das? Was müssen wir vor allem tun, um dieses Geld „abzuholen“?

Das schaffen wir auf dreierlei Weise: Zunächst das aktive Nutzen der Reflexionszone Natur für hochwertige Entscheidungen. Dann das Integrieren von möglichst viel Natur und Grün in unseren Lebens- und Arbeitsalltag für eine tiefere und schnellere Erholung. Und damit generell höhere Schaffenskraft, mehr Gesundheit und indirekt sogar höhere Bindung an den Arbeitgeber, durch die gelebte Work-Life-Balance. Und außerdem als sehr wichtigen zusätzlichen Punkt die
Gestaltung der Arbeitsumgebung mit natürlichen Attributen wie Pflanzen, Tieren, den vier Elementen und Naturbildern. Denn diese suggerieren bei Besuchern automatisch eine höhere Qualität der Produkte und Dienstleistungen und eine höhere Kompetenz der Mitarbeiter. Wir halten uns in solchen Geschäftsräumen länger auf und akzeptieren sogar höhere Preise. Dies ist ein ganz unbewusster Vorgang, der sich in barer Münze auszahlt!

„Unternehmen sind die neuen Stämme“ ist eine Ihrer Kernaussagen. Warum ist das so?

Es ist völlig gleichgültig, wo wir arbeiten: Wir bedienen überall dieselben Kunden, wir tun das Gleiche, wir verdienen überall gleich, wir werden überall nach ähnlichen Standards behandelt. Wenn aber alles gleich ist, dann gibt es nur einen einzigen stichhaltigen Grund, in einem bestimmten Unternehmen zu arbeiten. Weil es für uns emotional attraktiver ist als alle anderen! Das ist eine gewaltige Chance für Unternehmen. Wir haben heute keine kollektive emotionale Heimat mehr. Wir leben in Kleinstfamilien und vereinsamen trotz Social Media immer mehr. Wir lassen da heute eine immense emotionale Power brach liegen, die aktuell in Suchterkrankungen aller Art ihre Ersatzbefriedigung findet. Das ist (volks-)wirtschaftlich und ethisch unsinnig, unbezahlbar und demnächst ruinös. Die Unternehmen, die sich dieser Stammesverantwortung bewusst werden und sie anwenden, werden von den Resultaten begeistert sein. Denn wir wollen ja dazu gehören. Wir wollen uns einsetzen, wir wollen gebraucht werden. Das ist ein Urbedürfnis von uns Menschen.

Ist es nicht auch gefährlich, wenn Mitarbeiter ihr Unternehmen als Stamm betrachten? Was passiert, wenn dieses Unternehmen z. B. Mitarbeiter abbauen muss? Von einem Unternehmen gekündigt zu werden, ist für viele noch rational nachvollziehbar. Aus seinem Stamm, zu dem man gehört, ausgeschlossen zu werden, hat mit Sicherheit eine viel tiefere emotionale Wirkung, die so manchen aus der Balance bringen kann.

Genau da liegt das Problem. Wir sagen „Kündigung“ und „müssen“. Das ist eine einseitige Willenserklärung: „Geh, ich brauche Dich nicht mehr.“ Es geht auch schlauer. Eine Trennung ist ein ganz anderes Kaliber. Da schaut man sich in die Augen und vereinbart, wie man sich trennt. Das ist aus emotionaler Sicht zwar immer noch schwer, aber möglich. Und definitiv billiger. In Zukunft werden es sich alle zweimal gut überlegen, wie sie auseinander gehen. Das gilt für Unternehmen wie Mitarbeiter. Außerdem finden sich in Gesprächen in einer schwierigen Unternehmenslage immer auch individuelle Lösungen, die eine Trennung gar nicht nötig machen. Ich denke, viele Unternehmen sind einfach nicht ehrlich, wollen nur rasch Ballast abwerfen und kündigen zackig. Wenn es in einem Trennungsprozess hart auf hart geht, dann ist vorher schon viel falsch gelaufen. Wer wirklich die passenden Menschen einstellt und diese auf Augenhöhe behandelt, der erlebt kaum Enttäuschungen.

Joerg Romstötter

Jörg Romstötter

Business-Coach
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